Endstation- Happy End

Aktualisiert: 4. Feb.

Eine Liebesgeschichte, die im Zug begann


Endlich, Platz Nummer 34. Zufrieden kuschelt sich Andreas in den großen, dunkelblauen Sessel seines Zugabteils. Um ein Haar hätte er die Bahn verpasst. Jetzt erst einmal tief durchatmen und entspannen. Nur eines fehlt noch – seine Lieblingsband im Ohr.

Liebesgeschichte im Zug

Hektisch kramt Andreas in seinem Rucksack. Wo hat er nur seine Kopfhörer hingepackt? Zum Glück, im hintersten Fach haben sie sich versteckt. Erleichtert steckt er sich die kleinen weißen Stöpsel ins Ohr, lehnt sich in seinem Sitz zurück und will gerade die Augen schließen. Da durchzuckt ihn ein magisches Kribbeln.

magisches Kribbeln

Zwei Reihen vor ihm macht es sich jemand bequem. Mit anmutigen Bewegungen streift sich die junge Frau den roten Mantel ab, verstaut ihre Tasche unter dem Sitz und schlägt ein dickes, zerfleddertes Buch auf. Wenige Sekunden später hat sie sich vollkommen in den Zeilen verloren. Nur hin und wieder wirft sie einen flüchtigen Blick auf die vorbeirauschenden Wiesen und Felder oder streift sich das lange braune Haar hinters Ohr. Während sie liest, umspielt ein sanftes Lächeln ihre Mundwinkel.

Frau im roten Mantel

Andreas ist hin und weg. Diese Frau ist etwas ganz Besonderes. Er könnte ihr ewig beim Lesen zusehen. Jede kleine Bewegung ist pure Magie – sei es ein Lächeln oder ein Blinzeln. Er muss sie unbedingt ansprechen. Doch was könnte er nur sagen, ohne sie zu verschrecken?

Liebesgeschichte lesen

Der Zug wird langsamer. Sanft und gemächlich rollt er in den nächsten Bahnhof ein. Die junge Frau blickt kurz auf, schließt ihr Buch und verstaut es in ihrer großen braunen Ledertasche. Dann greift sie zum Mantel.

Bitte nicht, nicht jetzt schon! Unruhig rutscht Andreas auf seinem Sitz hin und her. Wie könnte er sie nur aufhalten? Seine Kreativität zeigt sich heute nicht unbedingt von ihrer besten Seite. Zu spät, die Frau im roten Mantel huscht gerade durch die Schiebetür und eilt Richtung Ausgang. Chance vertan.

Liebesgeschichte im Zug

Jetzt ist der Platz am Fenster wieder leer. Aber Augenblick mal, da ist doch noch etwas. Auf dem samtigen blauen Stoff funkelt etwas goldenes. Neugierig nähert sich Andreas dem zarten Schimmer.

Es sind schmale goldene Ohrringe. Kunstvoll schlingen sich die filigranen Ringe ineinander. So schönen Schmuck hat Andreas schon lange nicht mehr gesehen – genauso anmutig und elegant wie die Frau im roten Mantel.

Ohrringe

Sie muss ihre Ohrringe sicher vermissen. Vielleicht kramt sie gerade in diesem Moment verzweifelt in ihrer Handtasche oder durchsucht aufgeregt ihre Manteltasche.

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Da kommt Andreas eine Idee. Er zückt sein Smartphone und fotografiert das edle Schmuckstück. Gut getroffen, jetzt muss er das Bild nur auf der Homepage des Zugunternehmens posten – am Besten in der Online-Fundgrube. Hier finden alle verlorenen Kostbarkeiten Platz, die noch ein paar Haltestellen weiter gefahren sind – von Laptops über bunte Bommelmützen bis hin zum Schlüsselbund. Selbst ein Hund ist hier schon einmal allein weiter gereist.

Ohrringe

Andres veröffentlicht das Bild der Ohrringe mit einem kleinen Text: An die bezaubernde Frau im roten Mantel, die diese Schönheiten heute Morgen in der Bahnlinie 2, Abteil 4, vergessen hat. Bitte melde dich bei mir. Sogar seine Handynummer hinterlässt Andreas. Große Hoffnungen auf ein Wiedersehen macht er sich aber nicht. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Spätnachmittags, als Andreas gerade in eine wichtige Präsentation vertieft ist, klingt sein Handy. Unbekannter Anrufer – sein Herz pocht. Ist das die Frau im roten Mantel? Hat sie seinen Aufruf gesehen?

Frau telefoniert zur Hochzeit

"Hallo?", fragt Andreas mit vorsichtiger Stimme. Jedem einzelnen Buchstaben kann man seine Nervosität förmlich anmerken. "Hallo, hier ist Laura, alias die Frau im roten Mantel. Du hast etwas, das mir gehört?" Ihr Stimme klingt sanft, warm und gutmütig – genau wie sie sich Andreas vorgestellt hat. "Hallo Frau im roten Mantel. Ich bin Andreas. Heute Morgen habe ich deine Ohrringe gerettet." "Tausend Dank Andreas, das sind meine Lieblingsohrringe. Sie sind ein Familienerbstück. Schon meine Großmutter hat diese Ohrringe zu ihrer Hochzeit getragen. Ich dachte schon, ich sehe sie nie wieder. Darf ich dich zum Dank zum Kaffee einladen?" Andreas kann sein Glück kaum fassen. Mit dem Handy am Ohr tanzt er durch das Wohnzimmer. Einen schöneren Finderlohn könnte er sich nicht vorstellen. "Ein verlockendes Angebot, das ich nicht abschlagen kann. Morgen um 14:00 Uhr im Bahncafé?"

Mann wartet auf seine Braut

"Einen passenderen Ort könnte ich mir nicht vorstellen", lacht Laura. Vor Vorfreude tut Andreas die ganze Nacht kein Auge zu. Will sie sich nur kurz bei ihm bedanken oder ist es vielleicht sogar ein Date? Das Gedankenkarussell ist in vollem Gange. Laura trägt wieder den roten Mantel. Dazu hat sie einen beigen Wollschal und hohe braune Stiefel gewählt. Doch das schönste Accessoire ist immer noch ihr Lächeln – so offen und ehrlich

Frau mit Ohrringen

Schnurstracks kommt sie auf Andreas zu – fast, als würde sie ihn schon ewig kennen. Dann fällt sie ihm um den Hals. "Danke, dass du meinen liebsten Schmuck gerettet hast. Das werde ich dir nie vergessen – Ehrenwort." Sie holt tief Luft und murmelt leise: "Und ich muss dir noch etwas gestehen. Ich hab dich gestern im Zug beobachtet. Du warst der Einzige im Abteil, der nicht in sein Handy versunken war. Du hast einfach nur Musik gehört und aus dem Fenster geschaut. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendwie habe ich da etwas zwischen uns gespürt. Als ich gestern dann den Aufruf im Internet entdeckt habe, wusste ich, dass du es warst. Ich hatte so ein Gefühl." Andreas grinst bis über beide Ohren. Unglaublich, dass sie es auch gespürt hat. "Na dann, vielleicht fahren wir in Zukunft öfter mal gemeinsam Zug? Dann pass ich gerne auf deinen Schmuck auf, versprochen."

Happy End

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